Todesmärsche durch Bad Oldesloe
In Bad Oldesloe lagerten am 2. Mai 1945 etwa 350 Gefangene auf dem Todesmarsch vom Konzentrationslager Neuengamme nach Flensburg und Lübeck.
Anlässlich des Jahrestages wurde in Erinnerung an die Opfer eine Gedenktafel am 3. Mai 2020 errichtet.
Folgender Text wurde auf der Gedenktafel eingraviert:
„Wir gedenken der mehr als 900 jüdischen Menschen aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, die am 6. Dezember 1941 unter mörderischen Bedingungen, von Bad Oldesloe in das Ghetto von Riga deportiert wurden.
Wir gedenken der 300 jüdischen Frauen aus dem KZ Lübberstedt-Bilohe, die am 1. Mai 1945 auf ihrem Todesmarsch nach Norden hier entlang getrieben wurden.
Wir gedenken der etwa 700 Häftlinge, die im Zuge der Räumung des KZ-Neuengamme, in der Nacht zum 2. Mai 1945 hier Station machten. Sie wurden von der SS bewacht, mit Knüppeln und Hunden am Schlafen gehindert und weiter getrieben auf ihrem Todesmarsch in Richtung Flensburg und Lübeck, während der größte Teil der Zivilbevölkerung wegschaute.“
Hintergrund
Vor 75 Jahren, kurz vor dem Ende des 2. Weltkrieges, versuchten die SS-Mannschaften in den KZ´s ihre Greueltaten durch grausame Aktionen zu vertuschen.
Auch das KZ-Neuengamme und seine Außenlager wurden geräumt. Doch vorher mussten KZ-Gefangene alle Akten verbrennen. Es gelang aber einigen Gefangenen wenige Akten zu verstecken und so zu erhalten.
In Gruppen von 300–500 Gefangenen, vorneweg die aus Gefangenen bestehende Lagerkapelle, wurde ihnen befohlen sich in Marsch zu setzen. Diese Märsche dienten vor allem dazu, dass möglichst viele Menschen unterwegs entkräftet zusammen brachen und dann erschossen wurden.
So wurde im April 1945 das Außenlager von Neuengamme in Lübberstedt bei Bremen geräumt. Hier mussten ca. 300 jüdische Frauen, überwiegend aus Ungarn, sich auf ihren Marsch nach Norden begeben. Dieser Marsch führte am 1. Mai 1945 durch das am 24. April 1945 zerstörte Bad Oldesloe. Von hier wurden sie weiter in Richtung Norden getrieben. Über Eutin und Plön erreichten sie am 4. Mai 1945 Plön. Auf dem Weg dorthin waren durch zahlreiche Bombenangriffe 59 von ihnen getötet und 18 schwer verwundet. In Plön wurden sie zwischen dem 4. und 8. Mai endgültig durch die Briten befreit.
Weitere Märsche führten direkt vom KZ-Neuengamme über Hamburg mit dem Zug bis Rahlstedt und von hier weiter zu Fuß über die B 75. Die Bahnstrecke Richtung Lübeck war bei den Bombenangriffen im April 1945 fast vollständig zerstört worden. In Bargteheide kam die letzte Gruppe von KZ-Gefangenen am 1. Mai abends an und wurde in der Scheune des Ortsbauernführers untergebracht. Diese Scheune stand in der Nähe des heutigen Gasthofs Utspann. Am nächsten Tag ging es weiter durch Elmenhorst, Neritz bis nach Bad Oldesloe. Auf dem zerstörten Bahnhof mussten die KZ-Gefangene die Nacht im Stehen verbringen. SS-Wachposten und ihre Hunde hinderten sie am Schlafen. Von Bad Oldesloe ging es dann am 2. Mai 1945 weiter Mai in Richtung Reinfeld. 2 Tschechen, die entkräftet kurz vor Reinfeld zusammen brachen, wurden hier erschossen. Einige erkrankte Gefangene wurden auf dem Bauernhof Drönhorst vor dem Weitermarsch zurück gelassen. Sie sollten nachgeholt werden. Doch bereits eine halbe Stunde, nachdem der Marsch weiter getrieben war über Bühnsdorf nach Segeberg, tauchten die ersten englischen Panzer auf. So waren die zurück gelassenen Gefangene, die ersten, die befreit wurden.
Die SS-Angehörigen hatten aus Neuengamme Koffer mit Zivilkleidung und Fahrräder auf einen Leiterwagen gepackt, der von den KZ-Gefangenen gezogen werden musste. Auf dem Bauernhof Döhnhorst bei Reinfeld hatte der SS-Kommandeur noch einen Zählapell abgehalten. Einigen KZ-Gefangenen war die Flucht gelungen, aber auch die Gruppe der SS-Bewacher war immer geringer geworden. Dies alles ist belegt durch Zeugenaussagen und Dokumente von KZ-Gefangenen, die in den Archiven der Gedenkstätte in Neuengamme und in den Archiven des internationalen Zentrums über NS-Verfolgung in Arolsen aufbewahrt werden. (Auszug aus der Rede von Frau Siebel am 3. Mai 2020)
- Gedenkstätte Neuengamme, https://www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/
- Arolsen Archives International Tracing Service (ITS), https://digitalcollections.its-arolsen.org/0503/place/view/325116
Transporte nach Riga
Für über 900 Juden aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg startete hier die Deportation in das Ghetto nach Riga.
Mitte November 1941 erreicht die Juden in Norddeutschland ein Befehl der SA. Darin werden sie aufgefordert für ihre Evakuierung in Arbeitslager ihre Koffer zu packen. Für 14 Tage sollen sie Lebensmittel, Kleidung, Bettzeug, feste Schuhe und 50 Reichsmark einpacken. Am 4. bzw. 5. Dezember müssen sie sich an ihnen vorgeschriebenen Sammelpunkten einfinden. Das Gepäck kommt in Güterwaggons. Die Menschen werden in Personenwaggons zusammengepfercht, so dass sie keine Bewegungsfreiheit haben. Ihr Gepäck sehen sie nie wieder.
So kommen am 6. Dezember 1941 Züge aus Hamburg, mit Menschen aus Hamburg, Celle, Lüneburg, Uelzen, Lehrte und Winsen an der Luhe in Bad Oldesloe an. Aus Richtung Neumünster sind es Menschen aus Kiel, Ahrensburg, Elmshorn, Flensburg und Rendsburg. Und es kommt ein Zug aus Lübeck mit Menschen aus Lübeck, Ratzeburg und Bad Schwartau.
Unter diesen Menschen aus Lübeck sind auch Josef Katz und seine Mutter. Josef Katz und sein Bruder Berthold führten nach dem frühen Tod des Vaters das Lederwaren Geschäft in Lübeck in der Braunstraße bis 1938. Danach mussten sie es aufgeben. Es war immer wieder demoliert worden. Täter war die SA. Berthold und Josef versuchten durch eine landwirtschaftliche Ausbildung eine Zulassung für die Auswanderung nach Palästina zu erlangen. Berthold konnte 1939 auswandern, Josef hatte die Prüfungen nicht bestanden. In Paderborn versucht er erneut die notwendigen Prüfungen zu machen, als er von dem Evakuierungsbefehl für seine Mutter erfährt. Sofort kehrt er zu seiner Mutter zurück. Er will sie nicht alleine lassen. So erhält auch er den Befehl für die Evakuierung nach Riga in Ghetto.
Die in Bad Oldesloe ankommenden Züge werden hier zusammengekoppelt. Bei Strafe ist es verboten die Fenster zu öffnen oder bei einem Halt aus dem Zug auszusteigen. Der Deportationszug wird von Bad Oldesloe über Rethwisch, Treuholz, Kastorf, Ratzeburg, Hagenow, Schwerin, Güstrow, Neubrandenburg, Stettin, Dirschau, Königsberg, Tilsit, Memel, bis Riga Skivotava geleitet.
In Dirschau müssen 27 Danziger Juden zusteigen. Durch mangelnde Nahrung, fehlendes Wasser, unzureichende medizinische Versorgung, eisige Kälte und fehlende Hygiene kommt es bereits während der 4tägigen Deportation zu zahlreichen Todesfällen.
Noch während der Deportationszug aus Norddeutschland zum Ghetto in Riga unterwegs ist, werden die dort im Ghetto lebenden ca. 27800 lettischen Juden durch SS- und Polizei-Massenerschießungen ermordet. So finden die neuen Ankommenden teilweise noch gedeckte Tische und warme Öfen vor.
In Riga angekommen findet sofort eine Selektion statt. Arbeitsfähige kommen in Arbeitslager des dortigen KZ. Josef Katz wird von seiner Mutter getrennt. Zunächst kann er noch heimlich dafür sorgen, dass seine Mutter eine warme Decke bekommt, denn sie muss auf dem eisigen Fußboden schlafen. Dann wird er in ein weiter entferntes Arbeitslager verlegt. Am 22. Januar 1942 wird ihm ein Zettel zugesteckt mit folgendem Inhalt: Mein lieber Josef, deine liebe Mutter ist gestern Abend an einem Schlaganfall in den Armen von Oberrabbiner Carlebach gestorben. Sie hat sich nicht gequält. Am Nachmittag ist ihr plötzlich schlecht geworden, kurze Zeit später war sie tot.
Unter den Lübecker Juden sind auch Kinder wie Margot, Martin und Max Prenski mit ihrer verwitweten Mutter sowie Rosa Beutel, Fina Rosental und Fanny Saalfeld.
Sie alle werden auf einem ehemaligen herunter gekommenen Gutshof, dem Jungfernhof untergebracht. Hier sind etwa 1000 Kinder, Frauen und Kranke. Der größte Teil von ihnen wird Mitte Februar 1942 zum nahen Bikernieki Wald mit LKWs transportiert und dort erschossen.
Eine 2. Ermordungsaktion findet am 26. März 1942 statt. Spätestens hier werden Margot, Martin und Max Prenski ermordet. An der Travemünder Allee in Lübeck steht eine Schule, die heute den Namen Geschwister Prenski Schule trägt.
Nur sehr wenige Juden haben die Deportation in das Ghetto in Riga überlebt. Von den 130 aus Schleswig-Holstein Deportierten erlebten nur 3 Frauen und 5 Männer die Befreiung. Es waren Wolf Hirsch und Beta Hedwig Cohn aus Kiel; aus Lübeck und Bad Schwartau Siegfried Fisch, Josef Katz, Richard Josef Jaschek, Kurt Kendziorek sowie dessen Töchter Erika und Inge Kendziorek. Richard Josef Jaschek und Josef Katz haben ihre Erinnerungen in ihren Autobiografien festgehalten.
Auf dem Bahnhofsvorplatz in Bad Oldesloe steht eine Gedenkstele. Der Text auf der Gedenkstele erinnert an die Deportation der Norddeutschen Juden mit folgendem Text: Wir gedenken der mehr als 900 jüdischen Menschen aus Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, die am 6. Dezember 1941 unter mörderischen Bedingungen von Bad Oldesloe in das Ghetto nach Riga deportiert wurden.
Erinnerungsarbeit ist Arbeit an der Zukunft. Wir müssen uns daran erinnern. Es darf nie wieder Deportationen geben, die von Deutschland ausgehen. Lange vor den Deportationen begann alles mit Gedankenspielen, die dann zur Vernichtung von Millionen Juden, Sinti, Roma und Andersdenkenden führte.
Solche Gedankenspiele werden derzeitig von rechtsextremen – und faschistischen Kreisen wieder betrieben. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland schützt bis jetzt alle Menschen in Deutschland vor rassistischen und antisemitischen Handlungen.
Ilse Magdalene Siebel 2025
Quellen und Literaturhinweise:
1) http://books.google.de/books?id=i_MEXc27yqlC&pg=PA210&lpg=PA210&dp=Juden+in+Oldesloe&source=bl&ots=EUWMlgh244&sig=XLOFhiyQoGOUR-Ro-hHGnbfQW06YU&hl=de&ei=bfMQSvfVJYaE_Aaq2pYDBA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=9#PPA210.M1
2) (LAS Abt. 352 Kiel Nr. 929 Aussage H. 11. Nov. 1966)
3) https://www.statistik-des-holocaust.de/list_ger_nwd_411206html
4) Bettina Goldberg: Jenseits der Metropolen, Wachholtz Verlag 2011
5) Dr. Martina Moede: Magnus Lehmann, Eine biografische Spurensuche für einen Stolperstein
5) Schicksal der jüdischen Familie Lehmann, Zeitschrift für Niederdeutsche Familienkunde Heft 1 7 2019